Gesangsunterricht im Herzen Berlins mit Mike Rubin
 
Stimme und Stimmfunktion
 

 

 

 

 

 


 

 

 

Studioaufnahmen im Gesangsunterricht mit hochwertigen Mikrofonen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Um ein Profi im Gesang zu sein, sollte man sich mit den Stimmfunktionen, den Anatomischen sowie auch den feinstofflichen Abläufen befassen. Wie und wo entsteht ein Ton? Wie funktioniert eine gesunde und natürliche Atmung? Wie steigere ich meine Eigenwahrnehmung um den Ton richtig führen zu können und wie setze ich sinnvoll meinen ganzen Körper zum Singen ein?
Um die Wirkungsweise einer Stimme zu verstehen, ist es notwendig, einen gewissen Einblick in die Vorgänge die sich während des Singens und auch sonst, in unserem Körper abspielen zu haben. Betrachten wir also die drei Teilfunktionen der Stimmfunktion: Atmung, Kehlkopf und Vokaltrakt.

Die Atmung

Anatomie
Der Atemapparat besteht aus Lunge, Bronchien, Luftröhre und Zwerchfell sowie der übrigen Atmungsmuskulatur. Die Hauptaufgabe der Atmung ist der lebensnotwendige Gasaustausch, die Versorgung des Blutes mit Sauerstoff. Sekundär ist die Aufgabe der Lauterzeugung.

Die Luftröhre ist ein ca. 12 cm langer Schlauch, der den Rachenraum mit der Lunge verbindet und sich am unteren Ende in die Bronchien aufspaltet, welche sich weiter verästeln, um die Luft besser verteilen zu können. Die Lungen sind paarig angeordnete, schwammige Organe, die beim Einatmen gedehnt werden und sich beim Ausatmen durch die Rückstellkraft des elastischen Materials passiv wieder zusammenziehen, vergleichbar einem Luftballon. Jeder Lungenflügel ruht in einem Sack, dem Lungenfell, welches, nur durch den Pleuraspalt getrennt, am Brustfell anliegt. Dieses wiederum ist mit dem Zwerchfell und der Innenseite der Brustwand verwachsen. Das Zwerchfell ist ein kuppelförmiger Muskel, der Brust- und Bauchhöhle voneinander trennt. Es ist der wichtigste Einatemmuskel, denn es kann das Volumen der Brusthöhle um bis zu 80% vergrößern.

Wie funktioniert nun eigentlich die Atmung?
Der Sauerstofftransport geschieht durch das Blut. Haben wir zu wenig Sauerstoff im Blut, wird der Nervus Vagus, der für die Atmung zuständige Nerv im Gehirn, darüber informiert: "Sauerstoffmangel". Er sendet daraufhin schleunigst einen Impuls an die Einatmungsmuskulatur bzw. das Zwerchfell. Durch den Impuls vom Nervus Vagus wird das Zwerchfell nach unten in den Bauchraum abgesenkt (es kontrahiert und flacht dabei seine Kuppel ab), wo es die Eingeweide nach vorn und die unteren beiden Rippenpaare, die nicht mit der Wirbelsäule verwachsen sind, zur Seite drückt. Man kann das Zwerchfell (den größten Muskel in unserem Körper) nicht direkt spüren, aber dafür die leichte Wölbung der Bauchdecke nach vorn und das Weiten der Flanken und des Brustkorbes (bei der Einatmung). Der Brustkorb erfährt eine Erweiterung nach allen Seiten. Die äußeren Zwischenrippenmuskeln der Rippen heben sich gleichzeitig an. Die Lungen werden durch Adhäsionskräfte und den luftleeren Raum des Pleuraspalts gezwungen, diese Volumenänderung nachzuvollziehen, und erweitern sich ebenfalls, wodurch in ihnen ein Unterdruck entsteht, der durch die einströmende Atemluft ausgeglichen wird.

Bei der Ausatmung wird das Zwerchfell durch die vorher abwärts verdrängten Eingeweide, die jetzt den Druck wieder zurückgeben, aufwärts oben in seine kuppelförmige Ausgangsstellung geschoben. Der gehobene und erweiterte Brustkorb folgt der Schwere und kehrt in seine ursprüngliche Lage zurück, wodurch der Brustkorb verkleinert und zugleich die Lunge ausgepresst wird. Die Bauchdecke wird wieder flach, und auch die Flanken bewegen sich in ihre normale Position zurück. Die ruhige Ausatmung ist ein weitgehend passiver Vorgang, bei dem der Brustkorb durch elastische Rückstellkräfte in seine Ausgangsstellung zurückgeführt wird.
Je nachdem die Vergrößerung des Brustraums mehr durch das Zwerchfell oder die Brustmuskulatur herbeigeführt wird, spricht man von Zwerchfell(Bauch)- oder Brustatmung.

Damit sich die Atmung von alleine vollziehen kann, dürfen wir alle Muskelabläufe nur mit so viel Aufwand ausführen, wie tatsächlich nötig ist. Sobald wir irgendwo im Körper überspannt sind (zu entspannt sind heutzutage nur sehr wenige Menschen), werden die Atmung, die gesamte Bewegungskoordination und die Resonanz beeinträchtigt durch den Exzess-Sauerstoff, den der Körper nicht mehr ohne weiteres abbauen kann. So entstehen spürbare Verhärtungen, die u.a. den Körperklang beeinträchtigen.

Jede kleinste Überspannung, egal welchem Muskel wir sie zumuten, blockiert

  • die Durchblutung, und damit die Sauerstoffversorgung unseres Körpers, die mit der Atmung gekoppelt ist,
  • die Stimme hörbar, und beeinträchtigt so
  • die Qualität unserer Bewegungen und Klangerzeugung.

Eine gute Übung für die Atmung ist, sich aller seiner überspannten Bewegungen und Haltungen im Alltag bewusst zu werden, und jede noch so kleine Alltagsroutine nur mit so viel Aufwand auszuführen, wie nötig ist für eine bestimmte Bewegung. Wenn wir nur jeden Tag eine halbe Stunde Übungen für Atmung und Stimme ausführen, aber unseren Körper den Rest des Tages schlecht behandeln, können wir uns die Übungszeit gleich sparen. Aber wenn wir den ganzen Tag im Wohlgefühl schwelgen, das uns eine ausgeglichene Bewegungskoordination schenkt, werden wir auch alle Stimmübungen mit Leichtigkeit und zum besten Nutzen verfeinern.


Funktionsschema der Atmung

Funktionsschema AtmungFunktionsschema Atmung

    a) Luftröhre (Glasröhrchen)
    b) Brustraum (luftdichte Glasglocke)
    c) Lungenflügel (Luftballon)
    d) Zwerchfell (Gummimembran)

Bei Vergrößerung des Volumens der Glasglocke durch Herunterziehen der Gummimembran unten (Zwerchfell) kann das zusätzliche Volumen nur durch Luft ersetzt werden, die durch das Glasröhrchen oben in die Ballons hinein strömt und diese "aufbläst".


Der Kehlkopf

 
Anatomie
Der Kehlkopf als der eigentliche Stimmapparat mit den Stimmlippen, dem Kehldeckel und der Muskulatur. Die Verbindung zwischen Kehlkopf und Lungen bildet die Luftröhre. Der Kehlkopf ist am Eingang der Luftröhre beweglich zwischen Muskeln und Bändern aufgehängt. Er setzt sich im wesentlichen aus drei Knorpeln zusammen: Ringknorpel, Schildknorpel und Kehldeckel. Seine Hauptaufgabe ist die Ventilfunktion, d.h. Öffnung für die Atmung und Schließung z.B. zum Schutz vor Fremdkörpern. Beim Schlucken legt sich der Kehldeckel über den Kehlkopf und verhindert somit, dass Nahrungsteile in die Luftröhre gelangen. Ringknorpel und Schildknorpel sind beweglich miteinander verbunden. Im Kehlkopf sind waagerecht die beiden Stimmlippen ausgespannt: An der Spitze des Schildknorpels (Adamsapfel) sind sie zusammen angewachsen. Die beiden anderen Enden sind jeweils mit einem der Stellknorpel verbunden, die beweglich auf dem hinteren Höcker des Ringknorpels sitzen. Diese Stellknorpel sind nun in der Lage, durch ihre Bewegungen die Stimmlippen zu öffnen oder zu schließen. Die oberen inneren Anteile der Stimmlippen sind die Stimmbänder, die Ritze zwischen ihnen wird Stimmritze oder Glottis genannt.

Funktion
Wird nun vorne der Schildknorpel in Richtung Ringknorpel gekippt, so vergrößert sich der Abstand zwischen Adamsapfel und Stellknorpeln. Das bedeutet: Die Stimmbänder werden gedehnt und gespannt, der Ton wird höher. Der Muskel, der das bewerkstelligt, sitzt außen am Kehlkopf und heißt "musculus cricothyreoideus" (Ring-Schildknorpel-Muskel). Der zweite wichtige Kehlkopfmuskel liegt in den Stimmlippen und heißt "musculus vocalis" (Stimm-Muskel). Er ist für die Verdickung der Stimmbänder und somit für die Lautstärkeregelung zuständig.

Funktionsschema des Kehlkopfs

Funktionsschema KehlkopfFunktionsschema Kehlkopf

    1) Kehldeckel
    2) Schildknorpel
    3) Ringknorpel
    4) Stellknorpel
    5) Stimmbänder
    6) Musculus vocalis
    7) Musculus cricothyreoideus

Unterdruckfunktion
Über den Stimmlippen liegen nochmals zwei Gewebefalten, die Taschenfalten, auch "falsche Stimmlippen" genannt. Die Stimmlippen und die Taschenfalten bilden ein Ventilsystem für die Luftröhre. Dieses Ventilsystem ist eng an die Atemmuskulatur gekoppelt. Die Stimmlippen arbeiten mit den Einatemmuskeln zusammen und schließen sich nach großer Einatmung reflexmäßig, um den Schultergürtel für Armaktivitäten beim Heben des eigenen Körpers zu stabilisieren: Klimmzug, Hangeln, Klettern usw. (Unterdruckfunktion). Für das Singen sind daher die große Einatmung und die Beibehaltung der Einatemtendenz von grundlegender Bedeutung; sie können durch gezielte Armbewegungen gefördert werden.

Überdruckfunktion
Mit den Ausatemmuskeln sind die Taschenfalten verbunden. Sie werden bei forcierter Ausatmung - mangels eigener Kraft - von anderen Muskeln geschlossen und stellen in der Lunge einen Überdruck her, der den Rumpf zur Kraftanwendung vom Körper weg stabilisiert: Heben, Stoßen, Schlagen, Treten usw. Diese Überdruckfunktion und das Schließen der Taschenfalten sind zum Singen äußerst ungünstig, da der ganze Körper in eine gespannte, festgehaltene Lage gebracht wird und die Beweglichkeit - besonders im Hals- und Rachenbereich - stark eingeschränkt ist. Heben Sie mal ein Klavier, und versuchen Sie, dabei zu singen!

Stimmfunktion - Wie entsteht nun der Ton?
Die aus der Lunge ausströmende Luft versetzt die Stimmlippen, sofern sie vorher einander angenähert wurden, in Schwingung und erzeugt so einen Klang. Bei der reinen Atmung sind die Stimmlippen offen, damit Luft durch die Kehle fließen kann. Das Singen geschieht also bei der Ausatmung, erfordert demnach einen gewissen Überdruck unterhalb der Stimmlippen. Aus dem oben Gesagten wissen wir aber, dass für deren reflexmäßige Schließung sowie für die Flexibilität des ganzen Apparates die Unterdruckfunktion von großer Wichtigkeit ist. Machen wir uns einmal klar: Im Kehlkopf brauchen wir die Unterdruckfunktion, für die Atmung und Tonerzeugung brauchen wir jedoch einen gewissen Überdruck (Ausatmung). Es kommt also darauf an, während des Singens den Brustkorb weit und beweglich zu halten - wie bei der Einatmung (Einatemtendenz) -, um so eine Balance zwischen Ein- und Ausatmung herzustellen. Das Überwiegen der Überdruckfunktion würde den Kehlkopf festhalten, die Tätigkeit der inneren Kehlkopfmuskeln stören und so eine gesunde Stimmfunktion unmöglich machen.

 

Der Vokaltrakt


Der Vokaltrakt umfaßt den gesamten Rachen- und Mundraum von den Stimmlippen an aufwärts (Zunge, Gaumensegel, Zähne und Lippen). Zu diesen treten als sekundäre Tonbildner die Resonatoren: der Brustraum und die Kopfhöhlen (Mund,- Nasen-, Rachen- und Stirnhöhle). Die Hauptaufgabe des Vokaltraktes ist der Transport von Nahrung und Atemluft. Die sekundäre Funktion ist die der Resonanz und Artikulation.

Anatomie und Funktion
Der im Kehlkopf entstandene Primärklang erfährt im Vokaltrakt eine Veränderung durch Verstärkung oder Abdämpfung einzelner Frequenzen. Größe und Form des Vokaltraktes sind sehr veränderlich: Die Kehlkopfstellung bestimmt seine Länge, die Beweglichkeit von Mundraum (Zunge, Kiefer, Lippen) und Rachenraum beeinflußt seine Form. Für den Gesang sollte der Vokaltrakt möglichst groß und weit sein, das bedeutet: elastisch tiefgestellter Kehlkopf, entspannte Rachenringmuskulatur, öffnungsbereiter Unterkiefer und bewegliche Zunge. Soll dieses Ideal durch willentliche Einschaltung von Muskeln erreicht werden, führt dies zu Verspannungen und bewirkt eher das Gegenteil. Der beste Zugang zur optimalen Einstellung des Vokaltrakts führt über die Wahrnehmung, die im Laufe des Gesangsunterrichts geschult und sensibilisiert wird, so dass sie regulierend wirken kann: Oft genügt schon das Wahrnehmen einer Spannung, um sie zu lösen.

Eine erste Zusammenfassung

Fassen wir noch einmal zusammen: Die Stimmfunktion ist eine Systemeinheit bestehend aus

  • Atemapparat als Energielieferant und -regler
  • Kehlkopf als Vibrator
  • Vokaltrakt als Resonator und Artikulator

 

Diese drei Teilfunktionen stehen in Wechselwirkung zueinander. Ziel ist es, die drei Teilsysteme optimal aufeinander abzustimmen.

Wer sich die bisher genannten anatomischen Gegebenheiten vor Augen führt, wird verstehen, dass die menschliche Stimme ein recht kompliziertes und empfindliches System ist, das sich nicht nur auf ein Organ, den Kehlkopf, beschränken läßt. Schon im engeren Umfeld, dem Rachen- und Mundraum existieren vielfältige Abhängigkeiten. Berücksichtigen wir noch die Tatsache, dass alle Atemmuskeln mit Ausnahme des Zwerchfells gleichzeitig Körperhaltungs- und Bewegungsmuskeln sind, so wird vielleicht noch eher klar, welche Zusammenhänge gerade zwischen Bewegung und Stimme bestehen: Jede scheinbar noch so unbedeutende Bewegung (z.B. das Drehen der Daumen) hat Auswirkungen bis hinein in den Kehlkopf.

Beispielsweise werden Muskelaktivitäten von Laien- und von Berufssängern bewußt eingesetzt, um Einfluß auf die Stimme zu nehmen (man denke nur an die Anweisungen "In die Maske singen!", "Lächeln!", "Zwerchfell unten halten!", "Po Zusammenkneifen!" u.ä.). Diese Maßnahmen können zwar vorübergehend und für eine begrenzte Tonlage möglicherweise den gewünschten Klang herstellen (lauter, höher, metallischer), sollten aber nur punktuell sowie gezielt als Stilmittel eingesetzt werden, da sie sonst ein gesundes Funktionieren der Stimme insgesamt verhindern. Dauerhaft angewandt führen sie schließlich zu vorzeitiger Ermüdung, zu Schrillheit oder Rauheit der Stimme oder sogar zu Stimmschäden.

Die Orientierung an einem bestimmten "Idealklang" birgt immer die Gefahr von Einseitigkeit. Ein guter Unterricht geht nicht von einer solchen ästhetischen Prämisse, sondern von den physiologischen und funktionalen Gegebenheiten der menschlichen Stimme aus, die von Wissenschaftlern verschiedenster Art in jahrelanger Arbeit eingehend erforscht wurden. Dabei wurde herausgefunden, dass Kunstgesang für den Körper Schwerstarbeit darstellt, und es wurden Methoden entwickelt, diese Arbeit so effektiv wie möglich zu machen.

Zusammenhänge erleben
Die Vorgehensweise des Funktionalen Stimmtrainings ist etwa folgende: Zunächst werden die Abhängigkeiten zwischen Körperhaltung, Bewegung und Stimmfunktion anhand von Übungen erlebbar gemacht. Beispielsweise singt man eine einfache Tonfolge mehrmals - ohne Armhebung und mit Armhebung - und vergleicht die Empfindung beider Versionen. Diese erste Trainingsstufe konzentriert sich auf die Koordination aller Stimmuskeln mit den Muskeln der Körperbalance, d.h. Koordination der Stimme mit den Einatemmuskeln, den Schließmuskeln der Stimmlippen und der Kehlkopfsenkermuskulatur. Die genannten Bereiche zu stimulieren ist die Aufgabe von zunächst großen Bewegungen wie Windmühle, Arme seitlich heben, Klimmzug, u.ä.

Wahrnehmung
Entscheidend ist, dass der Sänger/die Sängerin mit der Zeit die Eigenwahrnehmung schult und lernt, sich daran zu orientieren: Nur der Klang, bei dessen Erzeugung wir uns wohl fühlen, ist funktional und klingt gleichzeitig gut. Wurde ein funktionales Gefühl entwickelt, so kann es bald in allen Stimmparametern zum Tragen kommen: laut-leise, hoch-tief, langsam-schnell u.s.w.

Differenzierung
Der Schwerpunkt des fortgeschrittenen Übungsstadiums liegt auf der Differenzierung: Das rhythmische Zusammenspiel von Kehlkopf- und Atemmuskeln soll nun unabhängig von Körperhaltung und -bewegung vor sich gehen. Dies ist etwa für Sänger und Sängerinnen sehr wichtig, die ihre Bewegungs- und Mimikmuskulatur für den schauspielerischen Ausdruck brauchen, die aber leider oftmals gezwungen sind, eine unpassende Haltung oder Mimik anzunehmen.

Aber nicht nur aus diesen Gründen ist das Erlernen der Unabhängigkeit so wichtig. Verdeutlichen wir uns nochmals, wie fein und empfindlich der Kehlkopf aufgebaut ist - handelt es sich doch stets um Millimeterarbeit - so wird klar, dass die großen und groben Muskeln wie Rachenring-, Kau-, und Bauchmuskeln eine solche Feinregulierung nur allzu leicht stören können. Da wir jedoch fast alle liebgewordene Gewohnheiten - auch beim Singen - haben, gilt es, ungünstige Verhaltensweisen allmählich durch günstigere zu ersetzen. So werden den großen Muskeln ihnen angemessene Bewegungen aufgetragen, allerdings nur solche, die hilfreich für die Stimmfunktion sind. Dadurch wird den Kehlkopfmuskeln ihre Arbeit ermöglicht. Die Bauchmuskulatur etwa ist viel zu groß und undifferenziert, um den Luftdruck unterhalb der Stimmlippen richtig dosieren zu können. Sie wird aber oft übermäßig angespannt und verhindert so eine flexible Atmung. Die Bauchmuskeln sollten lediglich für den langsamen Ausgleich des Entspannungsdrucks sorgen, während die Zwischenrippenmuskeln für die Beibehaltung der Einatemtendenz und für kurzfristige Druckänderungen verantwortlich sind und die Stimmlippen selbst, die mit einer hochsensiblen Schleimhaut ausgerüstet sind, die Feinstregelung übernehmen.

Es ist also immer ein bewegliches Zusammenspiel der Muskeln gefragt, niemals ein starres Festhalten. Hat man schließlich die Unabhängigkeit der Stimmfunktion gelernt, so kann man auch wieder auf große Bewegungen verzichten; die großen Muskeln werden ihren kleineren Kollegen nicht mehr "ins Handwerk pfuschen". Dieses Ziel ist natürlich weit und wird schrittweise erreicht: von großen zu kleinen Bewegungen, in der Wahrnehmung von außen nach innen.

 

Wie sieht nun also das Idealbild des Singens aus?

Der Brustkorb ist geweitet und die Einatemtendenz wird beibehalten.
Hilfe: Seitliches Heben der Arme, Windmühle, Strecken, Klimmzug; Atmen auf "A"

Der Kehlkopf ist elastisch tiefgestellt.
Hilfe: Lockeres, weites Öffnen des Mundes, leichtes Heben des Kopfes, Atmen auf "A"

Der Vokaltrakt ist offen und beweglich.
Hilfe: Alle Übungen mit Kieferöffnung und Lippenrundung, Glissandoübungen, Vokalwechsel

Störende Aktivitäten sind ausgeschaltet.
Hilfe: Ausgewählte Bewegungen, z.B. Gehen, hohe Schritte, Auflegen eines Fingers auf den Mund

Die Zunge ist beweglich.
Hilfe: Übungen mit Zungenbewegung: z.B. a-ä-a

Alle beteiligten Muskeln sind kräftig und flexibel.
Hilfe: Fleißiges Üben, körperliches Training, besonders "Bruststimm"-Übungen: z.B. a-o-a

Die/der Singende ist in der Lage, Lautstärke, Tonhöhe, Vokalfarbe, Artikulation u.s.w. unabhängig voneinander zu regulieren; die Stimmfunktion ist so unabhängig, dass Körperhaltung und -bewegung als Ausdrucksmittel genutzt werden können.
Hilfe: Alle Arten von Übungen, die die unter 1.-6. genannten Voraussetzungen schaffen helfen; fortschreitend von großen zu kleinen Bewegungen, von Abhängigkeit zu Unabhängigkeit unter ständigem Wechsel der Parameter.

Die genannten Hinweise und Hilfen können und wollen nur Beispiele sein, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit und generelle Anwendbarkeit erheben, denn natürlich richten sich Art und Umfang der Übungen ganz nach den individuellen Bedürfnissen des Schülers bzw. der Schülerin.

Lehrerpersönlichkeit
Hier kommen wir noch auf ein ganz wichtiges Thema zu sprechen - die Lehrerpersönlichkeit. Sie versteht sich keinesfalls als großes Vorbild, dem es möglichst ähnlich zu werden gilt, sondern ihre Aufgabe besteht vor allem im Hören und Beobachten, im genauen Erkennen der psychischen und physischen Gegebenheiten und im einfühlsamen Hinführen auf eine physiologische Stimmfunktion. Dieser Weg führt immer nur über die Eigenwahrnehmung des Sängers/der Sängerin, denn es gilt der Grundsatz: Die optimalen physiologischen Bedingungen sind zugleich die optimalen akustischen Bedingungen.

Die optimalen physiologischen Bedingungen aber können nicht anders gefunden werden als über die Schulung und Sensibilisierung der Wahrnehmung besonders im Kehlkopfbereich, denn nur darauf kann man sich verlassen, wenn z.B. die Akustik eines Raumes ungewohnt ist.

Sängerformant
Die optimalen akustischen Bedingungen stellen sich ein, wenn die physiologischen Voraussetzungen in der oben beschriebenen Weise erfüllt sind. Dann kommt es auch zur Entstehung des sogenannten Sängerformanten - einer Verstärkung der Eigenresonanz des oberen Kehlkopfbereichs, die bei allen Menschen etwa bei 3000 Hz liegt. Dieser Sängerformant verleiht der Stimme Tragfähigkeit und Schönheit, unabhängig von Tonhöhe und Lautstärke. Eine Frequenzanalyse kann diesen ausschlaggebenden „Gesangsformant“ nachweisen. Ein Sänger singt nur mit sehr viel Kraft und Druck, weil ihm das subjektiv das Gefühl von großer Lautstärke gibt. Analysen zeigen aber das mit weniger Krafteinsatz und geringerem Druck eine bessere Tragfähigkeit des Klangs erzielt wird.

Diese Elemente seien hier noch einmal genannt:

  • Förderung der großen Einatmung und Weitung des Brustkorbs durch Armbewegung und Mundatmung auf den Vokal "A"
  • Automatische Tiefstellung des Kehlkopfes durch Kieferöffnung und große Atmung ("A")
  • Ausschaltung störender Muskelaktivitäten durch gezielte Bewegungen
  • Verhinderung der "Bauchpresse" durch Beinbewegungen, Singen in der Hocke und im Sitzen
  • Nehmen der Angst vor "Registerbrüchen" und ungewohnten Lagen durch Glissandoübungen und solche Übungen, die bei schwungvoller Körperbewegung einen großen Tonraum durchlaufen.

Hat man das alles erreicht, so ist schon viel gewonnen: Das Singen wird weniger anstrengend, auch lange Proben können stimmlich durchgehalten werden, der Klang wird freier, runder, homogener. Wichtig ist der Hinweis, dass niemand sich körperlich überfordert und deshalb eine gute Selbstwahrnehmung entwickelt.

Autor
Dieser wunderbare Beitrag stammt von Anne Ciba, ergänzt mit Worten von Prof. Sigrid Agocsi, (London), und wurde nur geringfügig geändert sowie in seinem Sinn erhalten. Anne Ciba ist Certified Rabine Teacher und hat das Funktionale Stimmtraining entwickelt, eine zeitgemäße, auf physiologischen Erkenntnisen fußende Stimmbildungsmethode. Dieses Training, das mit gezielten Bewegungsübungen verbunden ist, erweitert Möglichkeiten und Belastbarkeit des Stimmorgans und fördert die Homogenität des Gesamtklangs. Diese Art des Trainings ist ein nützlicher Bestandteil meines Gesangsunterrichtes.

 


 

Impressum und Kontakt

Mike Rubin
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